Sonntag, 18. August 2013

Know_Typographie...


Zehn Gebote zur Typographie

Kurt Weidemann

1.       Typographie ist die Kunst des feinen Maßes. Ein zu wenig und zu schwach entfernt sie ebenso von der Meisterschaft, wie ein Zuviel und Zu stark.

2.       Typographie ist eine Dienstleistung. Die Kunst daran ist vor allem die Kunst, von sich selbst einmal absehen zu können, die Disziplin, sich nicht zwischen Autor und Leser zu drängen.

3.       Typographie hat schon vor Jahrhunderten ihre schönsten Formen gefunden. Dafür haben sich Gebote und Regeln gebildet, die dem Auge und der Hand dienen: dem Sehen und Begreifen. Ergreifen erzeugt Besitz. Begreifen fördert die Einsicht.

4.       Typographie geht im Abendland auf einen kaum zu verändernden Zeichenvorrat des römischen Alphabetes zurück, das ist so wenig zu verändern wie die Formen von Beil, Sichel, Pflugschar. (Das Rad muss nicht immer wieder neu erfunden werden).

5.       Typographie setzt logisches Denken und psychologisches Wissen voraus. Das Lesen nacheinander geordneter Buchstaben und Worte setzt die Fähigkeit zum Folgedenken voraus. Das ist mühselig und wird durch gute Typographie erleichtert.

6.       Typographie ist Umweltschutz der Augen, die es zwar zu öffnen und zu interessieren, aber nicht zu beleidigen und zu verwirren gilt. Das Sichtbarmachen von Sprache in all ihrer Ausdrucksvielfalt ist an den Grundzeichenvorrat des Alphabetes und an die Gesetze des Sehens und Verstehens gebunden.

7.       Typographie strukturiert Information und bereitet sie nach ihrem Inhalt auf; nach sachlich-logischen und mit ästhetisch emotionalen Gesichtspunkten. Schlechter Satz ist unsozial. Wissen und Können führen zur Erkenntnis. Erkenntnis führt zu Haltung und Stil. Haltung befähigt zur Überzeugung.

8.       Typographie bildet durch Schrift. Schrift ist Charakter. Sie charakterisiert ihren Entwerfer, entlarvt Phrasen, falsches Pathos, Gemeinplätze, Anbiederungen. Selbst Überschätzung ist ein sicheres Anzeichen für Dilettantismus. Mit der Wahrheit leben vermeidet Gedächtniskonflikte.

9.       Typographie stellt so vielfältige Aufgaben, mit so unterschiedlichen Zielen, dass engstirnige Stilfanatiker in Konflikte geraten. Stilfanatismus endet in Routine; die ist kalt und abweisend. Etwas verstehbar machen ist die Vorstufe zum Erlebbar machen. Wiederholung kann das Erleben verstärken.

10.   Typographie kennt nur wenige Regeln und Meister, die sich in einem halben Jahrtausend gebildet und erhalten haben. Sie sind nicht zu kopieren (Aufgüsse schmecken schal) aber sie sind zu kapieren. Als die Kunst, Worte und Sprache in der ihr angemessenen Form sichtbar – lesbar – verstehbar zu machen: einsichtig zu machen. In der Typographie gibt es so wenig grundsätzlich neu zu erfinden wie in der Kochkunst.

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